Die Kunst das Leben zu meistern

Paulo Coelho

Er ist einer der meist gelesenen Autoren der Welt. Seine Bücher wurden in 55 Sprachen übersetzt und in 150 Länder verkauft – allen voran sein Welterfolg „Der Alchimist“. In tv Hören und Sehen schreibt der brasilianische Kult-Autor Paulo Coelho (55) jeden Monat exklusiv eine Kolumne.

Aikido ist die einzige Kampfsportart, die ich selbst praktiziert habe, und ich halte sie für eine der interessantesten. Begründet wurde sie von dem Japaner Morihei Ueshiba (1883-1969). Von ihm stammen auch einige wichtige Gedanken zu den Kämpfen, die wir im Alltag durchzufechten haben, die ich hier mit eigenen Worten wiedergeben möchte:

Wer im Leben ein Ziel hat, wird gegen gegnerische Kräfte kämpfen müssen; um diese Kräfte unschädlich zu machen, muss man lernen, sie für sich arbeiten zu lassen.

Ein wahrer Krieger opfert niemals seine Freunde, um den Gegner zu besiegen. Und er muss lernen, die Probleme zu erkennen und zu lösen, bevor sie zu Tage treten.

Die beste Art, sich seinem Gegner zu stellen, liegt darin, ihn von der Nutzlosigkeit seines Tuns zu überzeugen. Der Krieger macht deutlich, dass sein Ziel nicht darin liegt, etwas zu zerstören, sondern darin, sein eigenes Leben aufzubauen. Wer auf dem Weg zu seinem Traum ist, sucht vor allem Harmonie und Verständnis und scheut sich nicht, zu erklären, was er will, bis er angehört und verstanden wird.

Wir sollten nicht ständig auf die Probleme starren, die sich uns in den Weg stellen: sonst werden wir am Ende von ihnen hypnotisiert und handlungsunfähig gemacht. Wir sollten uns aber auch nicht auf unsere eigenen Vorzüge konzentrieren, denn diese sind dazu da, genutzt und nicht vorgezeigt zu werden. Die Kraft eines Menschen liegt nicht in seinem Mut anzugreifen, sondern in seiner Fähigkeit, Angriffen zu widerstehen. Daher sollten wir uns durch Meditation und Exerzitien vorbereiten und uns der eigenen Absicht immer bewusst sein, um standzuhalten und den Weg fortzusetzen, auch wenn alles um uns herum sich verschworen zu haben scheint, uns vom Ziel abzubringen. Dem Sieg geht die Niederlage voraus. Der Schlüssel zum Sieg liegt darin, verlieren zu können und trotzdem nicht aufzugeben.

In extremen Situationen, vor allem, wenn wir dem Ziel ganz nahe sind, wird das Universum unsere Absichten auf die Probe stellen und uns ein Höchstmaß an Energie abverlangen. Kurz bevor der Traum Wirklichkeit wird, sollten wir uns auf große Prüfungen gefasst machen.

Wir sollten unser Leben nicht negativ sehen und bereit sein, alles zu akzeptieren, was die Götter uns gegeben; jeder Tag birgt Freude und Zorn, Schmerz und Lust, Dunkelheit und Licht, Wachsen und Vergehen. Alles dies ist Teil des natürlichen Zyklus – und daher sollten wir nicht gegen die kosmische Ordnung aufbegehren oder kämpfen. Nehmen wir sie an -
und auch wir werden von ihr angenommen werden!

Ist unser Herz groß genug, wird es im Stande sein, alle diejenigen darin aufzunehmen, die sich unserem Schicksal entgegenstellen: und haben wir sie erst einmal in Liebe aufgenommen, werden wir fähig sein, die negative Kraft unserer Gegner unschädlich zu machen.

Wenn wir bemerken, dass sich der Gegner nähert, sollten wir zu ihm hintreten und ihn höflich anreden. Lässt er von seiner aggressiven Haltung nicht ab, sollten wir nur in einen Kampf einwilligen, wenn er uns etwas einbringt. In diesem Fall sollten wir die Kraft des Gegners nutzen und die eigene Energie nicht vergeuden.

Wir sollten immer wissen, in welchem Augenblick wir welche der vier Eigenschaften nutzen müssen, die uns die Natur lehrt: hart sein wie ein Diamant oder biegsam wie eine Feder oder großzügig wie das Wasser oder leer wie die Luft. Rührt unser Problem vom Feuer her, bringt es nichts, es mit noch mehr Feuer zu bekämpfen, weil dies den Brand nur anfachen wird. In diesem Fall hilft nur Wasser. Das Problem wird uns niemals sagen, wie es zu bekämpfen ist - die Lösung können nur wir selbst finden.


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